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Virologische Krankheiten

Vektor-Impfstoffe für Geflügel

Gerade werden auf der ganzen Welt sehr viele Menschen gegen COVID-19 geimpft. Die Impfungen werden uns nach all den Entbehrungen wieder ein normales Leben erlauben. Diese Erfahrungen zeigen, wie wichtig Impfstoffe für unsere Gesundheit sind. Auch die heutige Geflügelhaltung wäre ohne Impfungen nicht denkbar. Vektorimpfstoffe für Geflügel gehören zu der neuesten Generation von Impfstoffen, die ganz neue Impfkonzepte ermöglichen. In diesem Beitrag werde ich dir diese Impfstoffe vorstellen und auf Vor- und Nachteile näher eingehen.

Was sind Vektorimpfstoffe?

Ein Vektorimpfstoff (vector: lateinisch „Träger“) ist ein gentechnisch veränderter Impfstoff, bei dem in den Vektor Genabschnitte von anderen Erregern eingefügt werden. Als Vektoren fungieren meist Impfvirusstämme mit einem größeren Genom wie Pockenviren, Herpesviren oder Adenoviren. Wenn diese Viren in die Zellen der geimpften Tiere gelangen, werden neben den viralen Proteinen des Vektors auch die Proteine der eingefügten Gensequenz hergestellt und schließlich dem Immunsystem an der Zelloberfläche präsentiert. Daraufhin wird das geimpfte Geflügel immun gegenüber beiden Erregern.

Neben den weiter unten behandelten viralen Vektorimpfstoffen gibt es auch bakterielle Vektorimpfstoffe. Beispielsweise ist seit 2020 in den USA der Impfstoff Avert NE für die Impfung gegen den bakteriellen Erreger Clostridium perfringens (verursacht nekrotisierende Enteritis) zugelassen, der auf einem Salmonella-Impfstamm als Vektor basiert.

In Deutschland für Tiere zugelassene Vektorimpfstoffe

In Deutschland gibt es 10 zugelassene Vektorimpfstoffe für Tiere. Davon sind 7 Vektorimpfstoffe für Geflügel zugelassen und jeweils einer für Pferde (Proteq West Nile), für Katzen (Purevax FeLV) und für Kaninchen (Nobivac Myxo-RHD PLUS). Alle für das Geflügel zugelassenen Impfstoffe basieren auf einem Marek-Herpesvirusvektor. Zur Auswahl stehen Impfstoffe mit eingefügten Gensequenzen von Newcastle Disease, Infektiöser Laryngotracheitis (ILT), Infektiöser Bursitis (Gumboro-Erkrankung) oder weiterer Marek-Stämme. Eine Übersicht über die Impfstoffe findest du hier:

Kostenloser Download: Vektorimpfstoffe für Geflügel (in Deutschland zugelassen)

Vorteile von Vektorimpfstoffen

  1. Einer der größten Vorteile von Vektorimpfstoffen ist, dass sie keine Restvirulenz aufweisen. Es ist nur der Teil des Erreger-Erbgutes in dem Vektor vorhanden, der für die Ausbildung einer Immunantwort notwendig ist. Wichtige Teile der Erbsubstanz fehlen, die für die eigenständige Vermehrung des Erregers sorgen und zu einer Schädigung des Wirtes führen würden. Lebendimpfstoffe gegen ILT können z. B. zu erheblichen Nebenwirkungen wie Augenentzündungen und Schnupfensymptomen bei den geimpften Tieren führen. Auch Lebendimpfstoffe gegen das Gumborovirus führen zu deutlichen Gewebsschädigungen in dem Zielorgan, der Bursa cloacalis. All diese Nebenwirkungen unterbleiben bei der Verwendung von Vektorimpfstoffen.
  2. Aus den oben genannten Gründen kann auch keine Reversion zur Virulenz stattfinden. Dieses Phänomen kann bei Lebendimpfstoffen auftreten, die durch Mutationen im Genom ihre krankmachenden Eigenschaften wiedererlangen können, um dann als Krankheitserreger in der Geflügelpopulation zu zirkulieren. Auch hier gibt es Berichte über krankmachende ILT-Impfstämme.
  3. Alle in Deutschland zugelassenen Vektorimpfstoffe richten sich gegen virale Erreger, die üblicherweise mittels molekularbiologischer Untersuchungsverfahren (PCR) nachgewiesen werden. Durch den Einsatz von Vektorimpfstoffen kann im Vergleich zu Lebendimpfstoffen die Unterscheidung von geimpften und infizierten Tieren erleichtert werden. Dies wäre z. B. der Fall, wenn die PCR einen Genomabschnitt nachweist, der in dem Vektor gar nicht enthalten ist; dann wäre klar, dass es sich um eine Feldinfektion handelt.
  4. Bei dem Einsatz von Lebendimpfstoffen bei sehr jungen Tieren wird das Impfvirus teilweise von den maternalen Antikörpern, die von der Mutter über das Ei an das Jungtier übertragen wurden, neutralisiert. Vektorimpfstoffe scheinen weniger Interferenz mit maternalen Antikörpern zu zeigen, daher ist bereits eine Impfung von Eintagsküken möglich. Dadurch können die Tiere schon sehr früh eine schützende Immunantwort ausbilden.

Nachteile von Vektorimpfstoffen

  1. Die Schutzwirkung von Vektorimpfstoffen kann unter Umständen schlechter sein als die, die durch Lebendimpfstoffe hervorgerufen wird. Dies kann insbesondere bei Impfung gegen Atemwegserreger (ILT) der Fall sein, weil durch das Fehlen einer Infektion nicht alle Teile des Immunsystems angesprochen werden.
  2. Ist das Geflügel bei Impfung mit einem Vektorimpfstoff bereits immun gegen den Vektor, dann kann die Immunantwort gegen das eingefügte Antigen schwächer ausfallen. Da alle verfügbaren Vektorimpfstoffe für Geflügel entweder „in ovo“ (18 Tage bebrütetes Ei) oder bei Eintagsküken angewendet werden, ist dies für das Geflügel eher von theoretischer Natur. Maternale Antikörper scheinen, wie weiter oben schon erwähnt, wenig problematisch zu sein.
  3. Ein Nachteil, der momentan alle Vektorimpfstoffe für das Geflügel betrifft, ist die notwendige Lagerung in flüssigem Stickstoff. Dies hat aber nichts mit der Vektortechnologie an sich zu tun, sondern hängt damit zusammen, dass die Impfstoffe alle auf einem Marek-Herpesvirusvektor basieren. Diese Viren sind typischerweise zellassoziiert und daher haben die zellassoziierten Marek-Impfstoffe eine bessere Wirkung als gefriergetrocknete (lyophilisierte) Impfstoffe. Aus diesem Grund gibt es keine lyophilisierten Marek-Impfstoffe mehr auf dem deutschen Markt. Um die Lebensfähigkeit der virushaltigen Zellen im Impfstoff sicherzustellen, müssen die Impfstoffe in flüssigem Stickstoff bei -196° C gelagert werden.

Woher bekommst du Vektorimpfstoffe für Geflügel?

Frage in der Tierarztpraxis nach, bei der du die Impfung deiner Eintagsküken gegen die Mareksche Krankheit durchführen lässt. Zu empfehlen sind die Vektorimpfstoffe auf jeden Fall, denn mit einer einzigen Verabreichung wird gleichzeitig gegen mehrere Erkrankungen geimpft. Ich persönlich finde den Vektorimpfstoff mit ILT besonders interessant, da dies eine im Hobbybereich häufig auftretende Erkrankung mit teilweise schwerem Verlauf ist und die Lebendimpfstoffe auch erhebliche Nebenwirkungen aufweisen können. Es ist aber unwahrscheinlich, dass du die freie Wahl zwischen den angebotenen Vektorimpfstoffen haben wirst, da es von den Herstellern Mindestabnahmemengen gibt. Der Grund dafür ist der teure Versand des Impfstoffes in flüssigem Stickstoff.

Wie du siehst, ist die Geflügelhaltung hinsichtlich der Verwendung von neuartigen Impfstoffen recht aufgeschlossen. Möglicherweise werden wir in nicht allzu ferner Zukunft auch mRNA-Impfstoffe für das Geflügel zur Verfügung haben. Ich hoffe, ich konnte dich überzeugen, dass mit modernen Verfahren hergestellte neuartige Impfstoffe auch für die Hobbygeflügelhaltung sehr vielversprechend sind.

Foto: Pixabay

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