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Bakteriologische Krankheiten

Was tun bei Geflügel-Tuberkulose

Tuberkulose gehört beim Menschen weltweit nach wie vor zu den tödlichsten ansteckendsten Erkrankungen. Auch bei Geflügel gibt es leider eine derartige Erkrankung, die einige Unterschiede aber auch einige Übereinstimmungen mit der menschlichen Tuberkulose aufweist. In diesem Blogbeitrag werde ich dir einen soliden Überblick über die verschiedenen Aspekte der Geflügeltuberkulose geben.

Geflügeltuberkulose: Entzündungsherde (Tuberkel) in der Leber eines Huhnes
Entzündungsherde in der Leber eines Huhnes mit Geflügeltuberkulose

Erreger

Die Geflügeltuberkulose ist eine bakterielle Erkrankung und wird von dem Erreger Mycobacterium avium ssp. avium verursacht. Bisher wurden über 200 unterschiedliche Mykobakterienarten beschrieben, von denen allerdings die meisten im Boden oder in Wasser leben und keine Erkrankungen hervorrufen. Typisch für Mykobakterien ist der spezielle Aufbau der Zellwand mit einem hohen Gehalt an Mykolsäure, der den Bakterien eine hohe Widerstandsfähigkeit in der Umwelt verschafft. Der Erreger der Geflügeltuberkulose kann in der Umwelt für mehrere Jahre überleben und infektiös bleiben. Diese Eigenschaft von Mycobacterium avium ssp. avium ist von großer Bedeutung für die Bekämpfung und macht die Geflügeltuberkulose zu einer der unangenehmsten Krankheiten für Hobbygeflügelhalter.

Betroffene Vogelarten

Laut Literatur sind Hühner und Fasane hochempfänglich für den Erreger, Puten und Wachteln weniger empfänglich, Enten und Gänse mäßig resistent und Tauben hochgradig resistent. Allerdings habe ich auch schon massive Probleme mit Tuberkuloseinfektionen in Hobby-Entenhaltungen gesehen. Außerdem wurde der Erreger auch in vielen Wildvogelarten nachgewiesen.

Geflügeltuberkulose tritt hauptsächlich in Hobbygeflügelhaltungen auf. Dies hat mehrere Gründe. Zum einen ist Wildvogelkot eine wichtige Infektionsquelle, die Tiere können sich in ihren Ausläufen mit dem Erreger infizieren. Da du infizierte Tiere aufgrund des chronischen Krankheitsverlaufes nicht sofort erkennen kannst, wird der ganze Auslauf mit dem Erreger verseucht und stellt eine wichtige Infektionsquelle dar, die kaum beseitigt werden kann. Außerdem sind in Hobbyhaltungen immer Tiere in der Haltung, im Gegensatz zu landwirtschaftlichen Geflügelbetrieben, in denen es teilweise komplette Ausstallungen und Leerstehzeiten gibt, in denen eine intensive Reinigung und Desinfektion vorgenommen werden kann.

In der kommerziellen Legehennenhaltung gibt es allerdings weltweit einen Trend weg von der Käfig- und ausschließlichen Stallhaltung hin zur Freilandhaltung. Dementsprechend kann die Erkrankung in den letzten Jahren auch häufiger in Freiland- oder Biolegehennenhaltungen nachgewiesen werden. Die Bedeutung der Geflügeltuberkulose für die Wirtschaftsgeflügelhaltung wird in Zukunft sicherlich zunehmen. Mastgeflügel ist von der Tuberkulose nicht betroffen, da es selten im Freiland gehalten wird und vor allem auch nicht alt genug für die Entwicklung der Erkrankung wird.

Die Tuberkulose ist in Zoologischen Gärten ein großes Problem, da die Tiere dort auch oft im Freiland gehalten werden, recht alt werden und es auch häufig zu einem Austausch von Tieren zwischen den Zoos kommt, was jedes Mal eine Einschleppungsgefahr darstellt.

Erkrankung erkennen

Geflügeltuberkulose ist eine Erkrankung, die schleichend beginnt und sich über längere Zeit hinzieht. Daher wird sie oft zunächst nicht erkannt, da häufig nur Einzeltiere betroffen sind. Trotzdem ist sie mit einer hohen Sterblichkeit (Mortalität) verbunden, was für die Halter aber nicht auf den ersten Blick zu erfassen ist. Hühner infizieren sich durch die orale Aufnahme des Erregers. Hier besteht auch ein wichtiger Unterschied zur menschlichen Tuberkulose, die in erster Linie über den Atemtrakt übertragen wird.

Die infizierten Tiere sind in der Regel älter als ein Jahr und magern bei meist erhaltenem Appetit langsam ab, bis hin zum vollständigen Schwund der Brustmuskulatur. Die Hühner stellen das Legen häufig ein und die Kopfanhänge werden klein und blass. Teilweise haben die Tiere Durchfall. Im fortgeschrittenen Krankheitsstadium zeigen die Hühner deutliches Unwohlsein mit gesträubtem Gefieder. Weitere Krankheitsanzeichen sind auch abhängig von der Lokalisation der Entzündungsherde (Tuberkel) im Körper der Tiere. Der Tod der Hühner tritt durch die Auszehrung der Tiere ein oder durch die Infiltration der Tuberkel in Blutgefäße, wodurch es zu einem inneren Verbluten des Tieres kommt.

Bei der pathologischen Untersuchung von toten Hühnern ist die Diagnose der Erkrankung nicht sonderlich anspruchsvoll. Die Tuberkel sind meist bis haselnußgroß und finden sich insbesondere in Leber und Milz sowie am Darm des Tieres. Durch die Tuberkel im Darm werden laufend Mykobakterien ausgeschieden. Seltener können diese auch so groß werden, dass es zur Verengung oder Verlegung des Darmes kommen kann (siehe Foto).

Geflügeltuberkulose: Entzündungsherde (Tuberkel) am Darm
Entzündungsherde am Darm eines Huhnes mit Geflügeltuberkulose

Teilweise sind aber auch andere Organe betroffen, wie z. B. die Niere oder das Knochenmark. Mycobacterium avium ssp. avium kann im Gegensatz zu anderen Bakterienarten nur sehr schlecht angezüchtet werden und wird deshalb mittels einer speziellen Färbung von Quetschpräparaten der Tuberkel nachgewiesen. Alternativ können molekularbiologische Nachweismethoden wie die Polymerasekettenreaktion (PCR) zum Einsatz kommen.

Tuberkulintest

Bei dem Tuberkulintest wird dem Huhn mit einer Spritze 0,1 ml aufgereinigtes Mycobacterium-avium-Protein (nicht ansteckend) in den Kehllappen injiziert. In Deutschland gibt es dafür genau ein zugelassenes Präparat. Nach 36-48 Stunden wird die Injektionsstelle auf eine Schwellung von mehr als 2 mm kontrolliert. Oft schwillt allerdings der gesamte Kehllappen an. Die Schwellung entsteht durch eine Immunreaktion bei Tieren, deren Immunsystem bereits vorher mit dem Erreger konfrontiert war. Bei jungen Hühnern kann der Kamm zur Injektion verwendet werden, was allerdings die Auswertung des Tests etwas erschwert.

Der Tuberkulintest eignet sich, um den gesamten Bestand oder einzelne Tiere auf die Freiheit von Geflügeltuberkulose zu überprüfen. Allerdings kann der Tuberkulintest in einem sehr frühen Infektionsstadium falsch negativ ausfallen, wenn die Tiere noch keine Immunantwort gegen den Erreger ausgebildet haben. Das Gleiche gilt für das sehr späte Infektionsstadium kurz vor dem Versterben, wenn die Tiere aus Energiemangel keine Immunantwort mehr ausbilden können. Bei zweifelhaftem Ergebnis wird geraten, den Test bei dem entsprechenden Tier nach frühestens 6 Wochen zu wiederholen.

Meldepflicht

Die Erkrankung gehört zu den meldepflichtigen Tierkrankheiten. Die Meldung wird durch den Tierarzt oder die Untersuchungseinrichtung vorgenommen. Daraus folgen im Normalfall aber keine weiteren Auflagen durch das Veterinäramt. Die Meldepflicht ermöglicht den Behörden einen Überblick über die Häufigkeit der entsprechenden Krankheiten.

Behandlung der Geflügeltuberkulose

Selbst beim Menschen ist die Therapie einer Tuberkulose äußerst aufwendig, es müssen für die Standardtherapie 4 verschiedene Präparate über 6 Monate eingenommen werden. Die zuverlässige Applikation der korrekten Dosis beim Geflügel über eine so lange Zeit wäre kaum umzusetzen. Außerdem würde der Einsatz dieser für die Humanmedizin sehr wichtigen Wirkstoffe in der Geflügelhaltung auch die Gefahr der Resistenzbildung bei dem Erreger erhöhen. Die Wirkstoffe sind für Geflügel auch gar nicht zugelassen. Eine Umwidmung der Präparate ist schwierig, da der Einsatz für alle Lebensmittel liefernde Tiere verboten ist. Impfstoffe gegen die Erkrankung stehen leider nicht zur Verfügung.

Maßnahmen nach der Diagnose

Was bleibt, sind Maßnahmen, die jeden Hobbygeflügelhalter sehr unglücklich machen. In den meisten Fällen ist die Tötung aller verbleibenden Tiere vermutlich die beste Lösung. Ein Problem ist die Verseuchung der Haltungsumgebung der Tiere mit dem sehr lange überlebensfähigen Erreger. Auch nach Reinigung und Desinfektion des Stalles verbleibt so ein Risiko, dass sich neue Hühner trotzdem wieder aus der Umwelt anstecken können. Außerdem ist eine Desinfektion des Auslaufes sehr schlecht möglich. Selbst nach Umgraben und Behandlung mit Brandkalk kann eine Infektion nicht vollständig ausgeschlossen werden. Außerdem ist häufig nicht nur der Bereich des umzäunten Auslaufes verseucht, sondern auch andere Teile des Grundstückes, da häufig vor der ersten Diagnose kein konsequenter Schuhwechsel nach dem Betreten des Auslaufes und Stalles erfolgt ist.

Daher wird oft geraten, nach dem Töten der Tiere und den Desinfektionsmaßnahmen für mehrere Jahre keine Tiere zu halten. Es ist kaum möglich, für jeden Halter einen Zeitpunkt zu empfehlen, ab dem neue Hühner wieder sicher eingestallt werden können. Die längste nachgewiesene Überlebensdauer von Mycobacterium avium ssp. avium in der Umwelt liegt bei 4 Jahren. Bei großen Grundstücken und Einhalten der Hygiene kann ggf. schon früher versucht werden, auf unverseuchtem Boden eine neue Haltung aufzubauen. Der Auslauf sollte dabei so weit wie möglich von dem infizierten Auslauf entfernt sein. Es darf keinerlei Material aus der alten Haltung verwendet werden. Trotzdem bleibt ein Restrisiko bestehen, dass der Bereich doch irgendwie kontaminiert wurde.

Alternativen zur Tötung?

Verständlicherweise möchten manche Halter nicht alle ihre Tiere töten. In diesen Fällen ist folgendes Vorgehen zu empfehlen:

  • Alle Tiere mit Krankheitssymptomen sofort töten.
  • Testen aller Tiere mit dem Tuberkulintest, alle Reagenten töten. Testung, falls möglich, regelmäßig wiederholen (alle 6-12 Wochen).
  • Reine Stallhaltung für mehrere Monate, wenn dies von der größe des Stalles her möglich ist, ansonsten bei großen Ausläufen die Größe reduzieren.
  • Regelmäßige Reinigung und Desinfektion des Stalles und aller Einrichtungsgegenstände mit einem gegen Mykobakterien wirksamen Desinfektionsmittel. Wie du eines findest, habe ich hier beschrieben.
  • Regelmäßiges Umgraben des Auslaufes und Behandlung mit Brandkalk.
  • Keine Hühner an andere Halter abgeben.
  • Keine neuen Tiere in den Bestand, bis alle alten Hühner gestorben sind.
  • Die Eier sollten nicht gegessen werden. Zwar überleben die Mykobakterien das Kochen nicht, allerdings würde ich nicht gerne mit den potentiell infektiösen ungekochten Eiern in der Küche hantieren wollen.

Du solltest dabei beachten, dass es keine Garantie für einen zufriedenstellenden Verlauf gibt. Es muss damit gerechnet werden, dass mehr als die Hälfte aller Tiere nach und nach stirbt, unter Umständen auch alle. Eine fortgesetzte Ausscheidung von Mykobakterien durch einzelne Tiere kann durch das beschriebene Vorgehen auftreten. Somit kann sich unter Umständen der Zeitpunkt für einen „Neustart“ immer weiter nach hinten verschieben.

Infektionsgefahr für den Menschen

Mycobacterium-avium-Infektionen treten auch bei Menschen auf. In erster Linie sind davon Menschen, die mit HIV infiziert sind, betroffen. Allerdings kann es auch zu Lymphknotenentzündungen bei Kindern kommen, die keine anderen Vorerkrankungen haben. Offensichtlich werden Menschen von einer separaten Unterart, Mycobacterium avium ssp. hominissuis, infiziert. Es ist nach wie vor nicht ganz klar, wie gefährlich Geflügeltuberkulose für den Menschen ist. Ich habe allerdings von einem Kind mit Mycobacterium-avium-Lymphknotenentzündung gehört, das vorher Kontakt zu Geflügel mit Tuberkulose hatte.

Mein Rat lautet daher: Trenn dich im Zweifel lieber von den Tieren, auf jeden Fall aber, wenn ein Familienmitglied bekanntermaßen immunsupprimiert ist; bei Kindern in der Familie wäre ich auch sehr vorsichtig.

Prävention der Geflügeltuberkulose

Grade weil die Tuberkulose eine so schwer zu bekämpfende Erkrankung ist, lohnt es sich besonders, vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen.

  • Neue Tiere nur als Bruteier und kleine Küken in den Bestand holen. Falls es nicht anders geht, adulte Hühner nur nach Quarantäne und negativem Tuberkulintest zusetzen.
  • Auslauf der Hühner begrenzen, Tiere keinesfalls auf dem ganzen Grundstück laufen lassen. Dazu immer Schuhwechsel, wenn man zu den Tieren geht, und Schaufeln, Mistgabel etc. nur bei den Hühnern benutzen und auch dort lagern. Falls möglich, auch den Misthaufen im Auslauf der Hühner anlegen. Hühnerkot nicht als Dünger im Garten ausbringen.
  • Nistmöglichkeiten von Wildvögeln in der Nähe der Hühner begrenzen und Wildvögel im Stall verhindern. Hühner nicht draußen füttern (ist nach Geflügelpest-Verordnung sowieso verboten). Stehendes Wasser im Auslauf vermeiden.

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2 Antworten auf „Was tun bei Geflügel-Tuberkulose“

Sehr aufschlussreich – umfassend (ohne Gelaber) – informativ (ohne Werbung) – nüchtern (Fakten orientiert) – angenehme Schreibweise und leicht verständlich. Herzlichen Dank

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